Auf dem Arbeitsamt
(Ein Blick in den Bauch von Lovis Löwenthal)

Mein Chef also rät mir, auf`s Arbeitsamt zu gehen. Rote Banderolen hat man aufgezäumt, im Foyer des Arbeitsamtes. Es sieht aus wie in den „Kundencentern“ der Bundesbahn, wie in der Post, wie in den fantastischen Freizeitparks in Rust, Paris oder Brühl. Sie wissen schon: Unmissverständlich weisen uns die Absperrungen den Weg. Sie zeigen mir, wo ich mich anzustellen habe und wo ich warten muss. Doch ich habe Glück. Denn der mit roten Banderolen drapierte Gang ist verwaist. Es ist kurz vor halb vier. Die Agentur für Arbeit oder wie dieser Dinosaurier jetzt heißt, schließt bald seinen Rachen. Ich kann also direkt bis zum Mann am Informationsschalter durchgehen.
Ein wahrer Held
„Hallo, ich komme wegen eines Gesprächs.“
„Sind sie schon eingetragen?“ fragt mich der etwa gleichaltrige Mann.
„Nein, ich bin zum ersten Mal hier. Ich, ich bin, ich bin, ich will eigentlich nur ein Gespräch führen, weil ich überhaupt keine Ahnung habe, was man so tun muss. Ich will kein Geld, ich will nur wissen, was ich beachten muss, wenn mich irgendeiner einstellen möchte und, und ich bin bislang freiberuflich tätig gewesen.“
„Da müssen Sie mit unserer Hotline sprechen, die hilft ihnen weiter.“
Der Mann deutet auf ein paar Tische inmitten des Foyers. Ich drehe mich um und sehe inmitten des Foyers ein paar Tische, darauf ein paar Telefone. Hotline, Hotline geht es mir durch den Kopf. Ich kriege Panik und frage:
„Kann man denn dort auch einen Termin für ein Gespräch vereinbaren?“
„Ja, ja, das geht.“
„Vielen Dank“, hauche ich, insgeheim wissend, dass ich dort, dort an irgendeinem Telefon, nichts, wirklich nichts erreichen werde. Ich sitze inmitten des Foyers und lese:

Nehmen Sie einfach den Hörer ab, Sie werden sofort mit einem Ansprechpartner verbunden. Wir haben uns größte Mühen gemacht, die Anonymität zu wahren. Es kann aber trotzdem passieren, dass ein Dritter das Gespräch verfolgen kann.

Ich nehme den Hörer ab, begutachte die größten Mühen der Agentur für Arbeit in Form einer ca. 80 Zentimeter hohen, beigefarbenen Umrandung meiner „Telefonzelle“ und erkenne die Stimme, die mich bereits letzte Woche durch das automatische Kartenbestellprogramm von Borussia Dortmund geführt hat. Ich blicke um mich: Bereits marschieren die Putzfrauen auf. Der Informationsschalter ist plötzlich mit vier Personen besetzt. Keiner wartet in dem mit roten Banderolen versehenen Gang. „Bitte warten“, haucht mir eine Stimme ins Ohr. Ich lege auf. Ich stehe auf, ich taumele. Ich gehe in Richtung Nichts. Ich sammle mich, ich blicke um mich, ich erkenne das Schild „Ausgang“. Ich nehme den Ausgang.

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